Meike Winnemuth im Interview mit Karla Paul


   Foto: Felix Amsel

MEIKE WINNEMUTH, BIN IM GARTEN

Interview aus MOKA 2-2019 (lange Version!)

 

KARLA PAUL: Frau Winnemuth, Ihr neues Buch heißt Bin im Garten – ein Jahr wachsen und wachsen lassen. Wie viel sind Sie denn gewachsen im letzten Jahr?

 

MEIKE WINNEMUTH: Innerlich mindestens 20 Zentimeter! (Lacht) Das Wachsenlassen bezieht sich natürlich auf die Pflanzen, die ich dort angesät habe. In meinem Fall war es aber vor allem die Geduld, die gewachsen ist. Das ist etwas, das mir sonst sehr fremd ist - ich bin eigentlich ein sehr ungeduldiger Mensch. Es kann mir nicht schnell genug gehen und ich will sofort Ergebnisse sehen. Das gewöhnt einem der Garten ab. Der alte Spruch „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ ist nicht umsonst dort geboren. Die Tatsache, dass eine Möhre geschlagene fünf Monate braucht, bis sie vom Samenkorn zur Essbarkeit gereift ist, konnte ich erst nicht fassen. Ich dachte, so ein langweiliges Ding braucht so lange, wie kann das denn sein?!

Aber so lange dauert es eben und seitdem werde ich auch eine Möhre nie mehr derart achtlos ansehen, wie ich das vorher getan habe. Im Gegenteil – als ich meine Möhren geerntet habe, habe ich sie quasi auf Knien angebetet.

 

„Ich habe eine für mich ganz neue Welt entdeckt. Eine, die ich unheimlich spannend finde und mit der ich noch lange nicht fertig bin.”

 

KARLA PAUL: Sie wollen stets alles ausprobieren, nichts versäumen und dann irgendwann auch reuelos ins Grab sinken. Bekannt wurden Sie mit einer Weltreise und dem dazugehörigen Bestsellerbuch „Das große Los“. Sie sind neugierig und sehr offen für die Welt und was sie Ihnen Neues bieten kann. Dann auf einmal der Rückzug – Haus, Hund, Garten. Woher der Sinneswandel?

 

MEIKE WINNEMUTH: Ich glaube gar nicht, dass es ein Sinneswandel ist – es ist eher eine andere Art von Abenteuerreise, die ich unternommen habe. Eine Abenteuerreise in eine mir bis dahin unbekannte Welt, die in diesem Fall nur nicht einige tausend Kilometer entfernt liegt, sondern ein paar Meter hinter meiner Küchentür beginnt, aber mindestens so aufregend ist. Ich habe eine für mich ganz neue Welt entdeckt. Eine, die ich unheimlich spannend finde und mit der ich noch lange nicht fertig bin.

 

KARLA PAUL: Sie haben dafür Ihre große Altbauwohnung in Hamburg losgelassen und Ihre Inhalte und Werte verschoben. Auf Ihrer Weltreise erlebten Sie die ausschlaggebende Schlüsselszene – Sie sahen einen Mann mit seinem Hund am Meer stehen …

 

„Ich möchte ein Haus am Meer und dort mit dem Hund jeden Tag am Strand spazieren gehen und dann nach Hause gehen und dort im Garten frühstücken.”

 

MEIKE WINNEMUTH: Es gibt manchmal Momente im Leben, die alles auf den Kopf stellen. Ein winziger Augenblick, der einem neue Fragen stellt, auf die man gleich oder erst später eine Antwort findet oder zumindest sucht. Und das war in diesem Fall ein Mann in Hawaii, der mit seinem Hund, einem Golden Retriever, am Meer stand, ganz ruhig. Dieses Bild erfüllte mich mit unfassbarem Neid. Ich habe mir sofort gesagt: Der möchte ich gern sein. Ich will dieses Leben, ich will ankommen, ich möchte einen Ort haben, eine Routine und Gewohnheit pflegen. Ich möchte ein Haus am Meer und dort mit dem Hund jeden Tag am Strand spazieren gehen und dann nach Hause gehen und dort im Garten frühstücken. Das war wirklich ein ganz gewaltiger Wunsch, den ich ein bisschen später dann auch versuchte zu erfüllen. Zunächst mit einem Hund und dann später mit einer Hütte am Meer und jetzt mit dem Garten.

KP: Sie sind in Ihren Kolumnen als auch Büchern sehr offen und beschreiben das Scheitern eben so gerade wie das Siegen. Haben Sie es je bereut, die Leser*Innen derart nah an sich ranzulassen? Bis jetzt noch nie – weil die Leser*Innen mir nie Anlass dazu gaben. Ich glaube, es wird belohnt, wenn man sich öffnet und einfach das schreibt, was einem durchs Hirn und durchs Herz rauscht.

 

KARLA PAUL: Ihr Buch „Bin im Garten“ passt in kein Genre. Es ist kein Ratgeber, kein Sinnweiser. Es geht nicht darum, wie man gärtnert, sondern warum man gärtnert. Wer sollte es denn eigentlich lesen bzw. für wen haben Sie es geschrieben?

 

MEIKE WINNEMUTH: Die Frage habe ich mir selber gestellt, während ich das Buch schrieb. Wen außer mir soll das interessieren? Aber ich habe die Hoffnung, mit dem Buch – ebenso wie damals mit dem Reisebuch – möglichst viele Leute anzustecken. Ihnen Lust zu machen, es selber mal auszuprobieren. Ihnen einen Schubs zu geben, nach dem Motto „Wenn ich das hinkriege, kriegst Du das auch hin.“ Nach den Reaktionen der Leser*Innen zu urteilen, scheint es zu funktionieren. Gärtnern bedeutet wirklich viel Arbeit, man braucht Geduld und es ist in Wirklichkeit so eine Art zweite Schicht, die man da schiebt. Warum zum Teufel macht man das? Ich hoffe, das Buch gibt eine Antwort darauf!

 

KARLA PAUL: Sie schreiben über den Rückzug zur Natur, Minimalismus, Achtsamkeit, Rückbesinnung auf Ursprüngliches, weniger Zeit für klassische Arbeit und dafür mehr für Herzensbildung. Das sind Themen, die glücklicherweise gerade eh sehr im Trend und die sinnvoll umgesetzt auch sehr wertvoll für unsere Gesellschaft sind. Wie wandeln wir denn den kurzfristigen Hype in die langfristige Veränderung?

 

„Manche wollen sich nicht mehr ohne Sinn kaputt arbeiten sondern gehen mehr dem nach, was sie in der kurzen Zeit auf Erden erfüllt”

 

MEIKE WINNEMUTH: Ich glaube in der Tat, dass da gerade ein Bewusstseinswandel geschieht. Dass viele Leute sich sehr ernsthaft fragen – will ich das eigentlich noch so, was ich hier tue? Will ich wirklich Konsum, Karriere, ein Carport mit zwei Autos darunter, das klassische Glücksmodell, das uns vorgelebt wird und als gelungenes Leben gilt, an dem man sich zunächst mal orientiert. Aber ist das denn auch richtig für mich oder nur für die anderen? Ist das das Modell, nach dem ich mein Leben ausrichten möchte? Viele stellen sich heute diese Fragen und haben ganz andere Möglichkeiten, Antworten darauf zu finden, als noch die vorherigen Generationen. Das merkt man bereits im Bereich Karriereplanung – manche wollen sich nicht mehr ohne Sinn kaputt arbeiten sondern gehen mehr dem nach, was sie in der kurzen Zeit auf Erden erfüllt. Ich freue mich, wenn immer mehr davon in die Welt sickert und diese verändert. Wie langfristig und nachhaltig das ist, werden wir sehen. In 20, 30, 50 Jahren sind wir da schlauer – oder vielmehr Sie! Ich liege dann längst unter der Erde – eine ganz andere Version von „Bin im Garten“. (Schmunzelt.)

 

KARLA PAUL: Für viele Leser*Innen sind Ihre Berichte ein sehr bequemer Blick aus der eigenen Komfortzone. Sie probieren aus, was viele gerne würden, aber selbst nie tun. Haben Sie Empfehlungen für mehr Mut im Alltag, für das tägliche Überwinden der Bequemlichkeit – kleine Schritte in Richtung Abenteuer?

 

MEIKE WINNEMUTH: Ich glaube, dass man Komfortzonen nicht durchbrechen, sondern größer machen sollte. Komfortzonen sind elastisch und man kann sie weiten, indem man die selbst auferlegten Grenzen stetig ein wenig weiter ausdehnt. Dafür gibt es Methoden. Ich habe mal eine Kolumne darüber geschrieben, über den sogenannten Alles anders-Tag. Also einen Tag, an dem man sich mal vornimmt, wirklich alles anders zu machen. Das fängt morgens an, Zähne putzen mit der linken Hand, mal auf der anderen Seite des Tisches sitzen. Kleine Verschiebungen im Alltag, die erst mal gar nicht spektakulär wirken, aber trotzdem eine andere Perspektive auf das Gewohnte und Vertraute geben. Eben nicht dasselbe Brötchen kaufen, das man seit 20 Jahren jeden Morgen isst, sondern stattdessen ein Schokocroissant. Und schon ändert sich der Tag, in dem man bemerkt, welche Optionen und Möglichkeiten es eigentlich sonst noch gibt. Dass man nicht nur diesen schnurgerade eingelaufenen Weg weitergehen muss, für den man sich irgendwann mal entschieden hat, sondern dass man jeden Tag links und rechts auch kleine Nebenwege gehen könnte. Und wenn es nur so banale Dinge wie die Wahl des Frühstückswecks sind. Aber einfach mal anzufangen und sich bewusst zu machen, was man alles darf und kann, ist ein erster kleiner Anfang. Das bringt einen recht schnell auf mehr Ideen, die dann mehr Konsequenzen erfordern als nur die Brötchenfrage!

 

KARLA PAUL: Sie sind auch als Leserin wagemutig und haben eine kleine Challenge mit sich selbst bzw. mit Ihrem Buchhändler, um auch literarisch Neues auszuprobieren. Nennen wir es mal „das Schaufensterprojekt“. Die einzige Notwendigkeit: eine Lieblingsbuchhandlung vor Ort und ein mittelvoller Geldbeutel. Erzählen Sie uns davon!

 

MEIKE WINNEMUTH: Mein Spiel ist, dass ich einmal im Monat zu meiner Hamburger Buchhandlung Wohlers gegenüber meiner Wohnung gehe, mich vors Schaufenster stelle und eines der dort ausgestellten Bücher kaufe – ohne, dass ich irgendetwas darüber weiß. Ich darf darüber noch keine Rezension gelesen haben, das wäre ja einfach. Dann kaufe und lese ich es. Ich setze mich mit einem unbekannten Inhalt auseinander, das ist überraschend, aufregend, spannend, manchmal auch langweilig, aber immer anders. Ich weiß nie vorher, wer oder was da auf mich zukommt.

 

„Kleine Verschiebungen im Alltag, die erst mal gar nicht spektakulär wirken, aber trotzdem eine andere Perspektive auf das Gewohnte und Vertraute geben.”

 

Es gibt einige Buchhandlungen, die Überraschungsbücher anbieten, die in neutrales Papier verpackt sind. Ich finde das Grundprinzip ganz toll, sich immer wieder auf etwas einzulassen, von dem man nichts weiß, sondern das einem irgendwie ins Leben geschneit kommt. Denn es ist allzu leicht in diesen Zeiten, wirklich nur noch das wahrzunehmen, was man kennt, was einem maßgeschneidert ins Haus flattert, als Algorithmusergebnis im Onlinehandel oder als Mitteilung aus der Filterblase. Man kriegt einfach nicht mehr sehr viel wirklich Neues mit und dagegen muss man aktiv anarbeiten.

 

KARLA PAUL: Viele Buchhandlungen nennen dieses Angebot „Blind Book Date“, gibt’s auch als Abo. Ich finde die Idee ebenfalls klasse – haben Sie so ein neues Lieblingsbuch gefunden?

 

MEIKE WINNEMUTH: So viele! Ich habe kürzlich „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel gelesen - fand ich total großartig. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so gut gefällt.

 

KARLA PAUL: Kommt Meike Winnemuth jemals zur Ruhe?

 

MEIKE WINNEMUTH: Hoffentlich nicht! Aber irgendwann bremst mich das Alter ab, da bin ich sicher. Ich werde nächstes Jahr 60, muss also allmählich aktiv etwas dafür tun, möglichst lange möglichst gesund zu bleiben. Gesundheit war mir bislang herzlich egal, aber mir wird langsam klar, dass sie keine Selbstverständlichkeit ist. Ich bin nicht Mitglied irgendeines Fitnesscenters, ich habe mich draußen bewegt, bin mit dem Hund gegangen und habe den Garten umgegraben. Aber jetzt muss ich wohl tatsächlich mal Rückenmuskeltraining absolvieren und solche Geschichten. Ehrlich - ich habe keinen Bock, aber „Wat mutt dat mutt“, wie der Norddeutsche sagt und es ist ja für einen guten Zweck – nämlich ein möglichst langes, wertvolles Leben und noch viel Zeit im Garten!

 

KARLA PAUL: Wir wünschen dabei natürlich viel Erfolg und das auch nicht ganz uneigennützig, damit wir nämlich noch möglichst viele Bücher und Projekte von Ihnen erleben und erlesen dürfen! Vielen Dank für das Gespräch!

 

Und wir von MOKA auch! DANKEDANKEDANKE!

 

 

 

 

Die Hamburger Autorin und Journalistin Meike Winnemuth liebt das Leben und schreibt darüber, sowohl in Kolumnen („Stern“) als auch in Bestsellern („Das große Los“). Gemeinsam mit Hund Fiete lebt sie aktuell in einem Häuschen an der Ostsee. In ihrem aktuellen Buch Bin im Garten“ sind ihre gemeinsamen Erfahrungen im Grünen nachzulesen.

 


 

Mehr Infos & aktuelle Termine finden Sie entweder auf Meike Winnemuths sozialen Kanälen (Instagram  & Facebook)

sowie auf ihrer Webseite: https://www.meikewinnemuth.de

 



 

Meike Winnemuth

Bin im Garten

Ein Jahr wachsen und wachsen lassen

Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-60045-9

€ 22

 


Foto: Meike Winnemuth


Foto: Felix Amsel


 

»Ein schönes Buch, das Mut und Lust aufs Leben macht.« Denis Scheck