Frank Berzbach im Interview mit Karla Paul


  Fotos: Stefan Nitzsche

DIE KUNST, EIN KREATIVES LEBEN ZU FÜHREN

Interview aus MOKA 3-2018

 

 

 

KARLA PAUL: Lieber Frank, schon seit vielen Jahren setzt Du Dich mit Kreativität, Achtsamkeit, Schönheit auseinander. In Deinem knapp 100-seitigen Essay „Die Form der Schönheit“ schreibst Du Dich aus verschiedenen Richtungen an das Thema heran. Wie lautet Deine persönliche, private Definition der Schönheit?

 

FRANK BERZBACH: Schönheit ist gekennzeichnet durch eine »unergründliche Tiefe«; sie passt daher in kein Raster. Privat, wie auch im Buch, vermeidet ich daher eine Definition. Schönheit lässt sich umkreisen, wir wissen, das sie existiert. Sie ist erfahrbar und präsent. Es geht dabei zwar um Anziehung, Ordnung und Atmosphäre, auch um Stil und Form, allerdings weniger in einer rational fassbaren Weise. Es gibt sublime und überraschende Schönheiten. Mich interessiert nicht die messbare Attraktivität, wie sie von Werbepsychologen beschrieben wird, auch nicht die Schönheit der Schönheitschirurgie. Oft sind es gar nicht die Einzelelemente, sondern deren Zusammenwirken, die Schönheit erzeugen. Ob ein Mensch, eine Kirche oder ein Garten schön sind, hängt von unüberschaubar vielen Aspekten ab. Es hängt auch vom Betrachter ab, was aber nicht bedeutet, das Schönheit »subjektiv« und nur Auslegungssache ist. Wir haben zwar die Anlage, Schönheit wahrzunehmen, müssen die allerdings erst entwickeln. Jedenfalls lässt sich die Wahrnehmung schulen und sensibilisieren.

 

KARLA PAUL:  Diese Sensibilisierung - „sie geht nur aus von einem klaren und gelassenen Geist hervor“, so schreibst Du im Buch. Wie erreichen wir diesen in unserer von Eilmeldungen, Workaholics und 24h am Tag zu füllenden sozialen Netzwerken geprägten Zeit?

 

FRANK BERZBACH: Stress verzerrt die Wahrnehmung und schränkt den Zugang zur Intuition ein. Wir werden dann tendenziell formlos, weil wir glauben, damit Zeit zu sparen. Aber eigentlich wird unser Alltag damit immer vulgärer – selbst guter Espresso wird aus Pappbechern getrunken, es wird im Gehen gegessen. Um Schönheit wahrzunehmen, müssen wir kurz innehalten. Es wäre doch erfreulich, wenn man nicht auf sein Handy starrt, sondern sieht, dass vielleicht ein schöner Kellner oder eine schöne Kellnerin einem Espresso auf die Bar stellt: mit kleinem Löffeln, Wasserglas, einer Praline und in einem passenden Tässchen. Mich interessiert weniger die Schönheit vollendeter Gemälde, sondern die alltägliche Dimension. Die Welt mag hässlich sein und es wird viel geklagt, aber wer die Augen offen hat, entdeckt auch überall Schönheit. Ich glaube, dass jeder Mensch etwas verschönern möchte und Schönheit auch wahrnehmen kann. Dafür ist allerdings die richtige Stimmung wichtig, um sie überhaupt entdecken zu können. Das Problem liegt eher in uns, weniger in der äußeren Belastung.

 

 

„Die Welt mag hässlich sein

und es wird viel geklagt,

aber wer die Augen offen hat,

entdeckt auch überall Schönheit.“

 

 

KARLA PAUL: Coolness ist eine Überlebensstrategie“, so schreibst Du im Teil über die Schönheit von Musik. Aber erkennen und kreieren wir Schönheit nicht erst, wenn wir vom Überleben ins Leben wechseln oder ermöglicht das eine das andere?

 

FRANK BERZBACH: Vom Cool-Jazz lässt sich etwas lernen, und zwar die Haltung gegenüber den ärgerlichen, hässlichen Aspekten des Lebens. Wer sich nicht von destruktiven Emotionen überwältigen lässt, sondern sie in schöne Klänge verwandeln kann, der ist überlegen. Es gibt die Schönheit trotz des vielen Leids. Aber es ist harte Arbeit, gelassen zu bleiben. Wir sehen, bis in die Weltpolitik und in den USA, dass der Hass und das Vulgäre bis in die höchsten Ämter gerät. Davon darf man sich nicht überwältigen lassen! Es mag frustrierend sein, aber das fordert vielleicht nur dazu auf, noch gelassener, noch formbewusster zu werden. Wer ums Überleben kämpft, der hat kaum Spielraum – aber wir im reichen Westen kämpfen nicht ums Überleben, sondern es geht uns ziemlich gut. Wir haben viele Möglichkeiten, die Welt zu verschönern. Wir haben sogar Freiheit und Demokratie, beides existiert in nur wenigen Ländern. Wer cool bleibt, der ist nicht unberührt und ignorant, auch kein Hedonist, sondern er verfolgt weiter seine Ziele. Allerdings ohne hassverzerrtes Gesicht. Schönheit ist kein Luxusgut, sondern sie existiert als ästhetisches Grundbedürfnis des Menschen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

 

KARLA PAUL: Oft fällt es uns leichter, die Schönheit in Dingen, Kunst oder anderen Menschen zu finden, als in uns selbst. Wie können wir das ändern?

 

FRANK BERZBACH: Jeder kann bei sich beginnen. Es ist viel wichtiger, ob ich aus mir etwas mache als andere zu idealisieren. Vorbilder können motivieren. Wer Beyoncé bewundert oder sein will, wie sie, der sollte nicht übersehen, wie viel die Dame arbeitet, wie viel sie trainiert und übt, wie sie sich ernährt. Viele Menschen wollen schön und schlank sein, dafür aber nichts tun. Aber die, die wir bewundern, die arbeiten sehr hart. Entweder an ihrer Bildung oder Belesenheit, an ihrer Fachkenntnis bezüglich Stil, ihrem Wissen, ihrem Handwerk, ihrer Wahrnehmung oder eben an ihrem Körper. Schönheit ist Arbeit und ich glaube, jeder kann etwas aus sich machen, sich entwickeln und auf seine ganz persönliche Art schön sein. Das Erkennen der Schönheit ist der erste Schritt, der nächste ist, selbst Ordnung zu schaffen, Form zu gewinnen und sich anzustrengen. Es ist erstaunlich, wie schnell sich dann Komplimente einstellen und die geben Kraft.

 

 

„Das Erkennen der Schönheit

ist der erste Schritt, der nächste ist,

selbst Ordnung zu schaffen,

Form zu gewinnen und sich anzustrengen.“

 

 

KARLA PAUL:  Für manch einen sind solche Beobachtungen reiner Luxus, eine Alleinerziehende mit mehreren Kindern und 40h-Woche hat oft wenig Muße für Überlegungen zur Work-Life-Balance. Hast Du drei kleine Übungen zur Öffnung für Schönheit, die wir selbst bei wenig Zeit durchführen können?

 

FRANK BERZBACH: Nein, ich habe keine konkreten Übungen; ich glaube auch nicht an Checklisten. Schönheit ist nie Luxus und ich glaube nicht an eine Work-Life-Balance. Das Leben ist eben nicht auf der einen guten Seite und die Arbeit auf der bösen anderen. Arbeiten ist Leben. Jeder Job kann reine Schufterei sein oder erfüllend. Es liegt, die Extreme ausgenommen, auch weniger am Job oder am Geld – es liegt daran, ob wir die Tätigkeit sinnvoll finden und ob wir damit eine Mission verbinden. Wer viel Geld hat, der ist nicht unbedingt formbewusster oder schöner, sondern meist jagt er nur dem Prestige nach. Dahinter stecken große psychische Unsicherheiten, Arroganz und albernes Gehabe. Ob eine Alleinerziehende mit wenig Geld oder eine verheiratete Frau in der Oberschicht glücklicher oder schöner ist, lässt sich abstrakt nicht sagen. Von den Fassaden sollten wir uns nicht täuschen lassen. Geld kann den Charakter jedenfalls ebenso verderben wie große Armut; wenn man manche Menschen anschaut, zum Beispiel das schlechte Benehmen und den schlechten Stil der Neureichen, dann sehe ich da eher das Vulgäre. Es gibt im »Leben« ebenso viel Potentials krank zu werden wie in der Arbeit. Eigentlich ist kaum etwas wichtiger als die Arbeit, daher müssen wir darauf achten, dass sie uns nicht zerstört.

 

KARLA PAUL:  Inspiration, Kreativität bedarf auch frischer Impulse. Wann hast Du zuletzt wirklich Neues gesehen, erlebt, gefühlt?

 

FRANK BERZBACH: Mein letzter tiefer Impuls war ein Besuch im Benediktiner-Kloster in Meschede, im Sauerland. Ein Mönch, der das Haus der Stille dort leitet, hatte mich eingeladen. Die Atmosphäre dort, die moderne Architektur, der alte Garten mit Apfelbäumen, die Bildung und Eleganz von Pater Jonas – das hat mich betört und beschäftigt. Mich inspirieren aber oft alltägliche Ereignisse: eine schöne Frau, eine angenehme Stimme, ein guter Holzbleistift, manchmal einfach die Stille oder ein Brief. Wenn ich mir eine neue Schallplatte kaufe, sie auspacke und zum ersten Mal höre ... die Schönheit ist überall, vielleicht wollte ich daher darüber ein Buch schreiben. Bücher sind mir eine unendliche Inspiration, von ihrer Machart und vom Inhalt. Ich kann mich über eine gute Covergestaltung und Typografie, über die Haptik sehr freuen. Dann bin ich ein sehr analoger Mensch, mag Fachgeschäfte, die kundigen Menschen dort, ihr Handwerk. Daher bereichert es mich, wenn ich auf Lesereisen durch unbekannte Städte stromern darf. Zuletzt war ich in Hildesheim, es gibt einen 1000 Jahre alten Rosestock dort im Kreuzgang des Doms. Mein Schreibtisch und Hocker im Priesterseminar waren von vollendeter Schlichtheit. Ich kann angesichts solcher Erfahrungen immer wieder zu neuen Ideen kommen.

 

KARLA PAUL:  Wie definierst Du für Dich Kreativität und wie erhältst bzw. erarbeitest Du sie Dir?

 

FRANK BERZBACH: Kreativität ist ein Nebeneffekt von meisterlichem handwerklichem Können, erfordert einen klaren Geist und Konzentrationsfähigkeit und schließlich die Fähigkeit, allein und still sein zu können. Daraus ergibt sich, dass man täglich übt, innehalten kann und hart arbeitet. Mit diesem Verständnis von Kreativität glaube ich, das aus dem schöpferischen Handeln etwas werden kann, was die ganze Lebensführung, die Lebenskunst betrifft. Kreativität ist nicht allein das Lösen komplexer Probleme, ich fasse sie tiefer. Ich selbst versuche regelmäßig, etwa fünf Mal pro Woche, vor dem Frühstück Zazen zu praktizieren, ich gehe viel und gern spazieren, lesen viel, arbeite regelmäßig und sehr gern. Ich ziehe mich zurück, nur dann kann ich schreiben. Ein Glas Wein hat guten Einfluss, aber nur eins.

 

KARLA PAUL:  Dein Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ trifft den Nerv unserer Generation, es wurde zum Bestseller der Achtsamkeitstrendwelle. Dabei sind Deine Empfehlungen seit Jahrhunderten bekannt, zumeist sogar kostenlos und in jeden Alltag einzubauen - weshalb fällt es der Gesellschaft trotzdem so schwer, sich immer wieder auf die für den Menschen wichtigen Werte zu besinnen und sie tatsächlich aktiv umzusetzen?

 

FRANK BERZBACH: In dieser Gesellschaft gibt es alles zugleich: Immer mehr Menschen orientieren sich an alten Werten und Praktiken, arbeiten an der inneren und äußeren Freiheit, widmen sich den bedeutenden Themen und halten Inne. Dass so viele plötzlich den Hass predigen wird überbewertet, es scheint in den sozialen Netzen so drastisch. Im realen Leben begegnen wir aber, quasi als Gegenbewegung zu Donald Trump und Konsorten, pötzlich wieder Solidarität, Wachheit und souveräne Demokratie. Ich glaube, der Pessimismus ist etwas, dem wir nicht erliegen dürfen. Wir haben viele Möglichkeiten und ich kenne viele, die sie nutzen. Heute ist allein das Lesen guter Bücher schon etwas, dass ein Bedürfnis stillt und guten Einfluss hat. Wer liest ist still, allein und bei sich. Das ist heilsam und eine Energiequelle.

 

 

„Heute ist allein das Lesen

guter Bücher schon etwas,

dass ein Bedürfnis stillt

und guten Einfluss hat.“

 

 

KARLA PAUL:  „Entspannung bedeutet, sich aktiv auf etwas anderes einlassen zu können. Es bedeutet nicht, sich zerstreuen zu lassen.“ („Formbewusstsein“) In allen Deinen Büchern wirbst Du für einen eher distanzierten Umgang zu Medien, siehst auch die sozialen Netzwerke oft kritisch. Trotzdem bist Du online mit vielen Projekten zu finden. Wie findest Du Positives in der Nutzung und für Dich ein Gleichgewicht?

 

FRANK BERZBACH: Die neueren Medien sind nicht das Problem. Buddha hatte kein Smartphone und beschrieb, was uns auch heute noch unglücklich macht: Zerstreuung und innere Unruhe, das Anhaften an Vergängliches und so weiter. Ich bin großer Fan von Instagram und Facebook, die Portale ermöglichen sehr viel und ich kann die Nutzung auf mich zuschneiden. In »Formbewusstsein« werbe ich viel für die analoge Welt, aber daraus möchte ich keine Abneigung gegen das Digitale ableiten. Das Analoge erfordert mehr Anstrengung, aber wer von Hand einen Brief schreibt, der wird verblüfft sein über die Wirkung auf sich und andere. Ich werbe für wichtige, uns tragende Traditionen, die erlernt werden müssen. Daher das Plädoyer fürs Buch, für die Handschrift, für einen bewussten Konsum. Ich selbst bin sehr betört von analogen Dingen, ich sammle Schallplatten, Bücher, Bleistifte und schreibe viel von Hand. Aber diese Neigung taucht in meinem Instagram-Account wieder auf und so teile ich sie mit anderen. Man steht vor der Schwierigkeit, dass man zum Beispiel ein schönes Buch kaum auf einem Foto darstellen kann, weil die Haptik, Gewicht und Geruch dann fehlen. Aber es ist dennoch eine Einladung zu den realen Dingen zu finden.

 

KARLA PAUL:  Welche Momente bereiten Dir Freude?

 

FRANK BERZBACH: Ich finde der Alltag ist voller Quellen des Glücks. Zum einen mag ich schöne Menschen und Dinge; ich kann mich sehr freuen über die Schönheit der Frauen, über ein Lächeln, über einen guten Espresso, eine schöne Stimme oder Menschen mit großem Wortschatz. Ich bin froh, wenn ich eine alte Schallplatte auflege. Ich lese sehr gern und gute Texte machen mich wirklich glücklich! Dann fahre ich gern Fahrrad oder spaziere herum, wenn ich dazu Zeit habe. Ich lese gern Zeitung, ganz altmodisch und mag gutes Papier. Ich rede gern mit meinem Buchhändler. Ich könnte, vielleicht sollte ich das, einmal ein ganzes Buch schreiben mit einer Aufzählung möglicher Quellen der Freude. Meine Tochter sagte neulich einen wunderbaren Satz: »Ich bin glücklich vor Freude!« Mir klagen die Menschen insgesamt zu viel, es ist gut, sich der Freude hinzugeben. Aber damit die bleibt, müssen wir immer wieder uns anstrengen, damit es gute Formen gibt, die uns dann als Antwort beglücken. Wer gut essen will, muss gut kochen.

 

 

 

 

Fotos: Thomas Morsch Fotografie

Dr. Frank Berzbach (*1971) unterrichtet Psychologie an der ecosign / Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln.

 

Er hat eine Vorliebe für Fahrräder, Schallplatten und Plattenspieler, Bücher, Jazz, Füllhalter und Bleistifte, Papier und Notizbücher, Tätowierungen und Pin-ups, Kirchen, Klöster, Museen und Hotels, Schuhe und das Meer. Ihn interessiert nicht: das Fernsehen, analoge oder digitale Spiele, Tiere essen und Rauchwaren, Drogen, Automobile und Autorennen, Fußball und Karneval.

 

Seit 2007 praktiziert Frank Berzbach Zen und bleibt dennoch katholisch. Er liest und schreibt über Kreativität, Arbeitspsychologie, Religion und Spiritualität, achtsamkeitsbasierte Psychologie, Literatur, Popmusik, Popkultur und Mode.


 

FRANK BERZBACH

lebt in Köln.

www.frankberzbach.com