Nina George im Interview mit Karla Paul


  Autorenfoto: Helmut Henkensiefken / Fotos: Karla Paul

DIE SCHÖNHEIT DER NACHT

Interview aus MOKA 2-2018

 

 

 

KARLA PAUL: Liebe Nina, wir sprechen heute über Deinen neuen Roman „Die Schönheit der Nacht“. Es ist ein Buch für Frauen und ein Buch über Frauen – Du hast es sogar „der Freiheit der Frauen“ gewidmet. Zwei von ihnen spielen die Hauptrolle – Claire und Julie. Erzähl uns doch ein bisschen von ihnen.

 

NINA GEORGE: Claire hat in etwa mein Alter, sie ist 45 Jahre alt und Professorin für Verhaltensbiologie an der Pariser Universität. Sie ist eine sehr kontrollierte Frau, die sämtliche Emotionen soweit analysiert hat, dass sie sie für sich selbst eigentlich kaum noch zulässt. Sie hat zudem über die Jahre eine Art Versteinerung hinter sich gebracht, weil sie unglaublich viel arbeitet. Sie ist Mutter eines Sohnes, seit 20 Jahren verheiratet und stellt sich jetzt die innerliche Frage, die vielleicht auch jeden/jede von uns bewegt: „Bin ich die geworden, die ich hätte werden können?“

 

 

„Bin ich die geworden,

die ich hätte werden können?“

 

 

Als Spiegel haben wir die junge Julie, sie ist etwas über 19 Jahre alt. Und sie fragt sich: „Wer kann ich werden?“ Sie ist noch in der Phase, in der sie vom Leben zwar alles will, aber gar nicht so genau weiß, was überhaupt. Zudem zweifelt sie an ihrer Kraft, ihre Angst zu überwinden, um das zu werden, was sie werden will. Sie möchte zum Beispiel eigentlich singen, aber traut sich noch nicht einmal vor anderen Menschen aufzutreten. Sie weiß nur, dass sie das Leben mit beiden Händen greifen und nutzen will, und steht nun an einem ebenso wichtigen Punkt für ihren weiteren Weg wie Claire.

 

Diese beiden Frauen treffen im Buch aufeinander und natürlich steckt in beiden etwas von mir, aber es ist nicht meine Geschichte. Ich bin relativ gut darin, Gefühle zu beschreiben, die viele von uns in sich tragen – aber nicht unbedingt meine sind. Es hilft aber sehr, wenn ich dafür in mich hineintauchen kann und mich damit natürlich für die Leser auch ein bisschen nackt mache beim Schreiben.

 

KARLA PAUL:  Eine weitere Hauptrolle spielt das Meer, wie in vielen Deinen Büchern. Auch in „Die Mondspielerin“ und „Das Lavendelzimmer“, es geht immer auch um das Wasser und dessen Kraft. Flüsterst Du manchmal zurück, wenn das Meer Dir seine Geschichten erzählt?

 

 

„Flüsterst Du manchmal zurück,

wenn das Meer Dir seine Geschichten erzählt?“

 

 

NINA GEORGE: Es gibt Momente, da gehe ich ans Wasser und spreche leise vor mich hin. Ich denke nicht nur, ich bin dabei nicht nur in meinem eigenen Kopf, sondern ich erstelle laut eine Art Bilanz: „Wo gehst Du hin? Was hast Du geschafft? Wovor hattest Du Angst? Wo bist Du durch die Angst gegangen?“ Und dann folgen die Antworten. Das geschieht natürlich eher flüsternd und allein, es ist ein sehr intimer Zustand. Zudem bin ich währenddessen schmerzhaft ehrlich. Das Meer ist die einzige Gesprächspartnerin, die alles von mir weiß.

 

KARLA PAUL: „Die Schönheit der Nacht“ ist ein Roman für mehr Leben, mehr Leidenschaft und mehr Freiheit. Viele Deiner Gedanken habe ich mir als Zitate vermerkt und eine Szene blieb mir besonders im Gedächtnis. In dieser sagt Claire zu Julie: „Baucheinziehen wird maßlos überschätzt!“ Hätte das die 20-jährige Nina George auch schon so geschrieben?

 

NINA GEORGE: Nein. Definitiv nicht, da habe ich ja selbst noch den Bauch eingezogen. (Lacht laut.) Die Metapher „Baucheinziehen“ steht natürlich für vieles, nicht nur für den Wunsch „Ich möchte gerne schlank sein“. Sondern eben auch, dass wir schön sein möchten, um geliebt zu werden – dass wir Angst haben, nicht gut genug zu sein. Bauch einziehen steht auch für: „Ich möchte mich einem Code, einer sozialen Kontrolle anpassen und es dadurch nicht schwer haben.“ Es steht für sehr vieles, nicht nur für das eigene Idealbild. Claire ist Mitte 40 und weiß inzwischen, dass das völlig egal ist. Es kommt nicht darauf an, was andere über uns denken, sondern wie wir uns selbst mit uns fühlen. Diesen Gedanken, dass man selbst eventuell aus irgendwelchen äußerlichen Gründen nicht gut genug sei, um das Leben zu führen, das man eigentlich leben will, müssen wir überwinden. Es ist für uns alle notwendig, nicht mehr nur nach außen zu gucken, sondern vor allen Dingen nach innen zu sehen und sich zu fragen – habe ich das gesagt, was ich sagen wollte, habe ich das gewagt, was ich wagen wollte? Und dann kommt es nicht mehr darauf an, ob ich zwei Kilo mehr oder weniger wiege. Kein Bäuchlein haben macht auch nicht glücklich. Es ändert nichts. Glücklich wird man dann, wenn man tut, was man wirklich will – und dabei ist das vermutlich genau das Schwierigste.

 

KARLA PAUL: Du schreibst auch – es gehe darum, die Frau zu werden, die man sein könnte. Bist Du das inzwischen?

 

NINA GEORGE: Ich bin ziemlich nah dran. Aber ich habe auch erst die letzten Jahre gelernt, darauf aktiv zuzusteuern. Ich bin da ein bisschen wie Claire. Es gibt eine Szene, in der sie sich daran erinnert, wie ihr das Schwimmen im Meer beigebracht wurde und dabei gesagt wird, sie solle sich immer zuerst umsehen, wo sie sich gerade befindet und dann die weitere Richtung bestimmen. Ich habe stets sehr viel gearbeitet, ununterbrochen und irgendwann kam auch für mich dieser Moment, wo ich mich umsehen musste – wohin bin ich eigentlich „entbrannt“, ist dies wirklich das Leben, das ich führen wollte und lebe ich es so, dass ich am Ende sagen kann, so und nicht anders? Oder habe ich mich zu oft klein gemacht, zu oft Rücksicht genommen? Rücksicht nehmen ist nicht schlecht, wenn man sich dabei nicht selbst übersieht. Es gibt noch zu viele Frauen, die sich selbst klein halten, sich lieber den ganzen Tag um andere kümmern und sie stellen sich viel zu selten die Frage: „Moment, was will ich denn eigentlich?“

 

 

„ … ist dies wirklich das Leben,

das ich führen wollte und lebe ich es so,

dass ich am Ende sagen kann,

so und nicht anders?“

 

 

KARLA PAUL: Wenn die Leserin die letzte Seite liest und das Buch beendet – welche Empfindung, welche Emotion sollte sie im Herzen tragen? Was möchtest Du ihr als Autorin mitgegeben haben?

 

NINA GEORGE: Jeder von uns liest ja ein anderes Buch. Ich habe zwar eine Geschichte geschrieben, aber was sie dem jeweiligen Leser mitgibt, weiß ich nicht. Was ich mir wünsche, ist, dass jeder danach in Liebe auf sich selbst guckt. Dabei zu sehen – wovor habe ich Angst, was ich aber eigentlich tun möchte und vielleicht fange ich damit genau jetzt an. Ich möchte nicht versteinern, ich möchte tun, was ich will. Das ist sehr schwer, ich weiß, aber dieser erste kleine Schritt, das wäre es. Der erste Schritt, der sagt, das hier ist MEIN Leben.

 

 

 

Die internationale Bestsellerautorin Nina George schreibt seit 1992 Romane, Essays, Reportagen, Kurzgeschichten und Kolumnen.

 

Ihr Roman „Das Lavendelzimmer“ erschien in 37 Sprachen und eroberte weltweit die Charts, so etwa die New York Times-Bestsellerliste in den USA – damit ist Nina George die erfolgreichste deutschsprachige Autorin im Ausland.

 

Die Schriftstellerin ist Beirätin des PEN-Präsidiums und Vorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. 2018 initiierte sie das Projekt „Frauen zählen“. Im Jahr 2017 hat das Branchen-Netzwerk „Bücherfrauen e. V.“ die Schriftstellerin und Journalistin zur „Bücherfrau des Jahres“ gewählt.

 


 

NINA GEORGE

lebt in Berlin und der Bretagne.

www.ninageorge.de

www.nina-george.com