Sandra Schmid & Sandra Bühler im Interview mit Karla Paul


  Fotos: Sandra Schmid & Sandra Bühler

MENSCHEN WIE DU & ICH

Interview aus MOKA 3-2018

 

 

 

Die beiden Autorinnen Sandra Schmid und Sandra Bühler sind Freunde fürs Leben. Freunde, die seit mehr als zehn Jahren Idee um Idee verwirklichen. Mal wild und laut, mal bedacht und leise. Sie interessiert das Leben, die Realität, der Mensch. Die eine sorgt für gutes Licht, die andere drückt ab. Die eine schreibt, die andere recherchiert. Gemeinsam möchten sie Menschen einander näherbringen und Verbundenheit schaffen.

 

KARLA PAUL: Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen Fotografie- & Buchprojekt – wann und wo entstand die Idee zu „Menschen wie Du & Ich“?

 

SANDRA SCHMID: Früh ist mir aufgefallen, dass Menschen starke Berührungsängste mit gewissen Themen haben. Dass vieles ignoriert und verschwiegen wird, aus Angst, die falschen Fragen zu stellen. Viele fühlen sich unverstanden und alleingelassen mit ihren Geschichten, ihren Ängsten und Sorgen. Ich wollte etwas kreieren, das einigen Menschen helfen kann. Etwas, das aufzeigt, wie unterschiedlich und doch gleich wir alle sind. Jeder trägt eine Geschichte in sich. Wenn wir aufmerksam zuhören und hinsehen, merken wir, wie ähnlich unsere Ängste und Träume sind.

 

Das Konzept dieses Buches entstand bereits vor 8 Jahren. Für eine Abschlussarbeit befragte ich mithilfe von Sandra Bühler Menschen aus unserem Umfeld, fotografierte sie und gestaltete ein Buch – es entstand die Vorlage von „Menschen wie du und ich“. Uns beiden war klar, dass wir dies irgendwann noch „richtig“ aufgleisen würden. Vor 4 Jahren legten wir dann los ...

 

KARLA PAUL: Wie fanden Sie zusammen – wer von Ihnen ist im Buch für was verantwortlich gewesen?

 

SANDRA BÜHLER: Kennengelernt haben wir uns vor 12 Jahren während der Ausbildung zur Mediengestalterin. Seither gehen wir zusammen durch dick und dünn, spinnen Idee um Idee und verwirklichen alle unsere Träume. Wir ergänzen uns perfekt, da beide andere Stärken haben und so voneinander profitieren können.

Meine Hauptaufgaben waren die Planung und Koordination der Interviews sowie das Transkribieren und Übersetzen der Texte. Die Gespräche haben wir jeweils gemeinsam geführt und uns bei der Fragestellung ergänzt. Die Bilder sind direkt nach den Interviews entstanden. Während die eine abdrückte, reflektierte die andere das geführte Gespräch, um die Emotionen der Erinnerung möglichst intim festzuhalten. Sandra Schmid brachte das Erzählte in Form und schrieb alle Texte.

 

 

 

 

 

KARLA PAUL: Welche Länder haben Sie für das Projekt bereist, mit wie vielen Menschen gesprochen?

 

SANDRA BÜHLER: Wir haben insgesamt 80 Menschen getroffen und sie nach dem prägendsten Ereignis ihres Lebens gefragt. Begonnen haben wir in New York, danach waren wir in Berlin und der Schweiz unterwegs. Ende 2015 reisten wir für drei Monate nach Kalifornien, Peru, Bolivien und Panama. 2016 führte uns nach Kapstadt und auf die Seychellen. 2017 zurück nach New York und schliesslich noch nach Asien.

Die Auswahl der Länder erfolgte zufällig. Wir hätten gerne endlos weitergemacht, noch mehr Teile der Erde bereist, doch wie bei jedem Projekt, muss man irgendwann zu einem Schluss kommen. Aber wer weiss, wohin uns dieses Projekt noch führen wird.

 

KARLA PAUL: Sie erzählen durch eine Momentaufnahme von einem ganzen Leben, sowohl in Text- als auch in Bildform. Wie schwierig war die Auswahl der Geschichten, die ins Buch kamen? Welche Kriterien lagen dem zugrunde?

 

SANDRA SCHMID: Viele Menschen haben wir spontan auf der Strasse getroffen – welche Geschichte dabei herauskommen wird, wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Dass es 80 Begegnungen sein werden, haben wir früh definiert und uns war von Anfang an klar: Alle, die wir interviewen, kommen ins Buch. Es gibt keine zu „banale“ Geschichte. Es ist die prägendste des jeweils Porträtierten. Seine oder ihre Story, die wichtig ist. Kriterien würden dem Konzept des Buches widersprechen.

Eine Art Auswahl haben wir nur bei den recherchierten Themen getroffen. Diese Geschichten erzählen von Ereignissen, die niemals in Vergessenheit geraten dürfen: Der zweite Weltkrieg, KZ, Tsunami, 9/11, Todestrakt, Verdingkind, oder etwa die Geschichte einer Frau, die mit 30 erblindete oder die einer Kleinwüchsigen. Zu diesen Kontakten kamen wir über Organisationen. Klar ist: Es gibt keine Geschichte, die nicht in unser Buch passen würde. Wir könnten jeden befragen, dem wir begegnen. Wie der Titel sagt, sind im Grunde alle „Menschen wie du und ich“ – jede Person hat eine Geschichte zu erzählen. Du deine, ich meine.

 

KARLA PAUL: Im „Making Of“ zum Buch sind viele farbige Bilder zu sehen, im Buch sind sie dann allerdings ausschließlich Schwarz/Weiß. Warum?

 

SANDRA BÜHLER: Uns war wichtig, dass wir die intime Emotion des Momentes der jeweiligen Person einfangen. Fokus auf dem Gesichtsausdruck. Echt, ohne Schnickschnack. Hintergrund und Farbe kann ablenken, Assoziationen auslösen. Wir haben uns bewusst entschieden, im gesamten Buch keine Farbbilder zu verwenden – als Gestaltungselement auch nicht auf den letzten Seiten, wo wir mit Making-of-Bildern einen Einblick in unsere Arbeit gewähren.

 

 

 

 

 

 

KARLA PAUL: Viele Fotografierte haben Schlimmes hinter sich. Gewalt. Verluste. Traumatische Veränderungen. Welches Schicksal hat Sie beide am meisten berührt und weshalb?

 

SANDRA SCHMID: Schwierige Frage … Berührt haben uns alle sehr. Eine Geschichte, die ich jedoch immer wieder erzählen möchte, ist die von Nick. 23 Jahre seines Lebens verbrachte er im Todestrakt in Pennsylvania – unschuldig! Er gehörte zu den ersten in den USA, bei denen ein DNA-Test durchgeführt wurde, der schliesslich seine Unschuld beweisen konnte. 23 Jahre lang wurde er als Monster betitelt und wie ein solches behandelt. Die Begegnung mit ihm zeigte uns, was diese Jahre aus ihm machten. Nick erlebten wir als weiser, belesener Mann, der einst gebrochen wurde, doch mit aller Kraft gelernt hat, loszulassen und heute mit einer derart positiven Ausstrahlung und Warmherzigkeit durchs Leben geht, wie man sie selten zu spüren bekommt. Diese ehrlichen, tief emotionalen Stunden mit Nick werden wir niemals vergessen.

Oder etwa die Aussage von Christina aus Peru, dass ihr grösster Wunsch darin bestand, Lesen und Schreiben zu lernen. Doch irgendwann musste sie sich damit abfinden, dass ihr Schicksal ein anderes ist … In solchen Momenten wird einem bewusst, in welchem Luxus wir hier leben. Dass vieles für uns selbstverständlich ist, obwohl es ein grosses Privileg ist.

 

SANDRA BÜHLER: Wie Sandra bereits gesagt hat, haben uns alle Geschichten berührt und uns einiges gelehrt. Eine davon: Die Erzählung von Emanuel aus Kapstadt, ein starker Mann mit dem grössten und ansteckendsten Lachen. Er erzählte von seiner Kindheit während der Apartheid, wie er mit seiner Familie in ständiger Angst lebte, als Sklave auf verschiedenen Farmen arbeitete, die Nächte im Freien verbrachte und zuschauen musste, wie seine Eltern von Weissen verprügelt wurden.

Als er von seiner Mutter zu erzählen begann, brach er zusammen und fing an zu weinen. Wir umarmten uns alle – ein unglaublich emotionaler Moment. Nach dem Gespräch bedankte er sich mit dem Satz „Es war wie Medizin für mich.“ Sein Strahlen kehrte zurück …

 

KARLA PAUL: „Menschen wie Du & Ich“ zeigt internationale Vielfalt, grenzen- und geschlechterübergreifend. Sind wir am Ende doch alle gleich?

 

SANDRA BÜHLER: Wir Menschen unterscheiden uns im Auftreten und der Art, wie wir unsere Mitmenschen behandeln und wie wir unser Leben führen. Doch im Grunde streben wir alle nach dem Gleichen: Wir alle möchten zufrieden sein und Liebe verspüren. Die Umgebung, in der wir aufwachsen, beeinflusst unsere Lebensart. Ich denke, dass wir alle zu vielem fähig wären, wenn wir unter anderen Lebensumständen aufgewachsen wären. Wir haben das Glück, dass wir in unsere Umgebung hineingeboren worden sind und nicht hungern müssen. Doch was wäre, wenn wir auf einmal ums Überleben kämpfen müssten? Würden wir nicht auch so handeln, wie die Menschen es tun, die keine andere Wahl haben?

 

KARLA PAUL: Was wünschen Sie sich von den Leser_Innen, welche Emotionen, Werte wollen Sie Ihnen mit dem Projekt vermitteln?

 

SANDRA SCHMID: Einerseits hoffen wir mit diesem Projekt auf das Thema Stereotypisierung aufmerksam zu machen. Vielleicht beginnt der oder die Eine die eigenen Vorurteile zu überdenken. Sich selbst zu hinterfragen. Oft steckt so viel mehr hinter einer Fassade, als der erste Blick verrät. Andererseits möchten wir die Leser darauf aufmerksam machen, dass wir wieder lernen müssen, miteinander zu reden – Fragen zu stellen und zuzuhören. Gerade in der Schnelllebigkeit von heute ein wichtiges Thema. Denn wenn man sich achtet und einander zuhört, kann man so einiges lernen von seinen Mitmenschen. Ich sage immer wieder: Hört nie auf, Fragen zu stellen, wie Kinder es tun. Unbefangen und ehrlich. Jeder kann selber entscheiden, ob er antworten möchte oder nicht. Es gibt sie nicht, die falschen Fragen.

 

 

 

 

 

Sandra Schmid (*1990), Zürich. In der Ausbildung zur Mediengestalterin mit begleitender Gestaltungsmaturität eignete sie sich ein breites Wissen in der Gestaltung und Produktion von Drucksachen an. Mit einer Weiterbildung in der Fotografie kam das Interesse, Menschen zu porträtieren und deren Geschichten zu erzählen. Seit sieben Jahren arbeitet sie als Video-Editorin beim Schweizer Radio und Fernsehen für diverse Sendungen. Storytelling wurde zum Alltag und das Schreiben zu einer immer grösseren Leidenschaft.

 

Sandra Bühler (*1988), Zürich. Gelernte Mediengestalterin mit einem fundierten Wissen im Bereich Grafik, Fotografie und Film. In einer Filmproduktionsfirma erlernte sie das Planen und Umsetzen von Projekten. Heute arbeitet sie als Multimedia Managerin bei Swiss Life Select und ist verantwortlich für die interne Produktion von Videos. Durch die langjährige Erfahrung mit der Bildkomposition, legte sie vermehrt den Fokus auf die Fotografie.